Vorstandsmitglied Prof. Dr. Dirk Jäger im Interview

Prof. Dr. Dirk Jäger gehört als Direktor des NCT – Nationales Centrum für Tumorerkrankungen​ zu den besten klinischen Onkologen weltweit. Als Vorstandsmitglied des Ärzteverband Tabakprävention​ tritt er nun noch aktiver für Maßnahmen zur Vorbeugung der größten vermeidbaren Ursache für Krebserkrankungen ein.

Herr Professor Jäger, was ist Ihre persönliche Motivation?

„120.000 Deutsche sterben jährlich an den Folgen des Tabakkonsums: gut 30-mal mehr als bei Straßenverkehrsunfällen. Grob geschätzt können wir heute davon ausgehen, dass sich rund die Hälfte aller Krebserkrankungen durch vorbeugende Maßnahmen verhindern ließe. Paradebeispiel ist der Lungenkrebs: 90 Prozent der Krebserkrankungen der Lunge werden durch Rauchen verursacht. Meine Motivation mich für Tabakprävention und im Ärzteverband Tabakprävention zu engagieren, sind daher in erster Linie die Menschen und der Wunsch die Zahl der tabakbedingten Erkrankungen und Todesfälle deutlich zu reduzieren.“

Worin sehen Sie den Nutzen eines Ärzteverbandes zur Tabakkontrolle und Tabakprävention?

„Deutschland ist beim Thema Tabakprävention eines der rückständigsten Länder in Europa. Das Leid durch tabakbedingte Krebserkrankungen kann nur durch eine gemeinsame und konsequente Präventionsarbeit reduziert werden. Als ein deutschlandweites Netzwerk aus Ärztinnen und Ärzten deutscher Universitätskliniken bildet der Ärzteverband Tabakprävention eine unabhängige Gegenstimme zur Tabakindustrie und kann politisch Einfluss nehmen.“

Worin sehen Sie für junge Ärztinnen und Ärzte Möglichkeiten, PatientInnen damit zu helfen, ihre Tabaksucht zu bekämpfen?

„Es gibt gleich mehrere Aspekte, an denen angesetzt werden sollte:

1) Ärztinnen und Ärzte sind die erste Anlaufstelle für Menschen bei medizinischen Fragen.
2) Auf Basis eines vertrauensvollen Verhältnisses zum Patienten können Ärzte Suchterkrankungen ansprechen.
3) Der Arzt sollte über die Folgen des Rauchens aufklären, Hilfestellung für die Raucherentwöhnung anbieten und motivieren.
4) Der Verein „Aufklärung gegen Tabak“ – Jugendorganisation des Ärzteverbandes Tabakprävention, in dem sich unsere jungen, angehenden Ärzte engagieren sollten: An 28 deutschen Fakultäten werden hier über 20.000 Schüler pro Jahr von ehrenamtlichen Medizinstudenten aufgeklärt, die medizinische Ausbildung zur Tabakentwöhnung verbessert, Apps entwickelt, und die weltweit größten Studien zur schulischen Tabakprävention betrieben.“

Haben Sie bereits Erfolg mit Präventivmaßnahmen zum Rauchen gesehen?

„Als die wirksamste Maßnahme in der Tabakprävention haben sich spürbare Tabaksteuererhöhungen erwiesen. So führten in Deutschland die deutlichen Tabaksteuererhöhungen zwischen 2002 und 2005 zu einem deutlichen Rückgang des Zigarettenkonsums. Sehr wirksam in der Tabakprävention sind auch Nichtraucherschutzgesetze ohne Ausnahmeregelungen und umfassende Tabakwerbeverbote.“

Die in diesem Jahr eingeführten Schockbilder auf Zigarettenverpackungen werden an Tankstellen mit Pappschildern verdeckt. Ihr Kommentar dazu.

„Entsprechend der Tabakerzeugnisverordnung von 2016 dürfen die Warnhinweise auf Tabakverpackungen zum Zeitpunkt des Inverkehrbringens nicht teilweise oder vollständig verdeckt werden (§11, Abs. 1, Satz 4). Demnach ist es nicht zulässig, die Warnhinweise am Verkaufsort abzudecken.“

Was macht Deutschland in der Tabakkontrolle und Tabakprävention richtig?

„Die wichtigste und effektivste Tabakpräventionsmaßnahme waren in Deutschland in der Vergangenheit die deutlichen Steuererhöhungen. Sie setzten den Trend zum Nichtrauchen, insbesondere unter Jugendlichen, in Gang. Auch die in den Jahren 2007 und 2008 eingeführten Nichtraucherschutzgesetze waren wichtig und unterstützen den Trend zum Nichtrauchen. Mit der Umsetzung der europäischen Tabakproduktrichtlinie in deutsches Recht im Jahr 2016 sind nun auch hierzulande große bildliche Warnhinweise auf Zigarettenpackungen verpflichtend – diese können dazu beitragen, Raucher zum Aufhören zu motivieren, ehemalige Raucher vor einem Rückfall zu bewahren und junge Menschen davon abzuhalten, mit dem Rauchen anzufangen.“

Inwiefern handelt die Politik in Deutschland in Bezug auf Tabakkontrolle falsch?

„Seit mehr als zehn Jahren gab es in Deutschland keine spürbaren Tabaksteuererhöhungen mehr – da Tabaksteuererhöhungen als die wirksamste Maßnahme in der Tabakprävention gelten, sind erneut deutliche Steuererhöhungen dringend notwendig. Überfällig ist ein Verbot der Tabakaußenwerbung – Deutschland ist in Europa das einzige Land, das noch uneingeschränkt Außenwerbung für Tabakprodukte erlaubt. Deutschland ist auch das Land in Europa, in dem mit Abstand die meisten Zigarettenautomaten stehen – die Verfügbarkeit von Zigaretten ist damit flächendeckend rund um die Uhr gewährleistet. Ein Verbot der Verkaufsautomaten wäre daher dringend notwendig. Bei der Einführung der Nichtraucherschutzgesetze war Deutschland nicht konsequent genug, denn die meisten Bundesländer lassen Ausnahmen vom Rauchverbot zu – und schwächen damit die Wirksamkeit der Maßnahme. Daher wären bundesweit umfassende Nichtraucherschutzgesetze ohne Ausnahmen notwendig, so wie sie in Bayern, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland bereits bestehen.“

Prof. Dirk Jäger